Die Ganztonleiter

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Matt 66
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Die Ganztonleiter

Beitragvon Matt 66 » Di 30. Okt 2012, 11:56

Wie schon vor langer Zeit angekündigt, hier mein Senf zur Ganztonleiter. Ausgangspunkt war die Frage, wie man sie einsetzen kann, ohne sofort in Verdacht zu geraten ein verkappter Jazzer zu sein. Es geht also um bekannte Beispiele, die zwar den eigentümlichen Sound der Ganztonleiter nicht verbergen können (logisch, schließlich soll es ja genau darum gehen), die sich aber jenseits der "schrägen, verkopften Jazz-Ästhetik" (Vorurteil von Nicht-Jazzern) bewegen. Da ich für den geplanten Videodreh keine Zeit finde, verweise ich einfach auf ein paar YT-Videos.

Bevor es Richtung Pop/Rock geht, hier zunächst ein Beispiel von Debussy. Sogar mit Noten zum Mitlesen:
http://www.youtube.com/watch?v=FVV0jkZC4jI
Hier kann man schön die Klangfarbe der Ganztonleiter hören.

Wenn heute von der Ganztonleiter gesprochen wird, dann meistens im Zusammenhang mit (alterierten) Dominantseptakkorden. Ich finde es didaktisch sinnvoller, zunächst einmal den schönen, einfachen übermäßigen Dreiklang zu betrachten. Dieser liefert uns nämlich schon eine übermäßige Quinte (z.B. c-e-gis), welche für die Ganztonleiter essentiell ist.

Bekanntes Beispiel hierfür ist das Intro von Chuck Berry - School Day:
http://www.youtube.com/watch?v=zuufgJUzmew

Überhaupt scheint die Ganztonleiter bzw. der übermäßige Dreiklang sehr gerne bei Intros eingesetzt zu werden. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist I can help von Billy Swan. Hier wird die kleine Septime dazugenommen, das Intro funktioniert aber auch mit übermäßigen Dreiklängen. Hier ein Video von einem Workshop, wo das Intro erklärt wird:
http://www.youtube.com/watch?v=Ld2qoUIOZXk
(Komischerweise setzen alle YT-Videos zum Original erst nach dem Intro ein.)
Hier wird ein Dom7#5-Voicing in Ganztonschritten abwärts bewegt und dabei arpeggiert. Gar nicht so leicht zu spielen (von der rechten Hand) wie es sich anhört. Aus genau diesem Grund scheint man es hier etwas vereinfacht zu spielen:
http://www.youtube.com/watch?v=dki700Xjh3k

Und zum Schluß noch mal ein Intro, stilistisch jetzt schon etwas angejazzt, aber immerhin eine populäre Schmusenummer.
Stevie Wonder - You are the sunshine of my life
http://www.youtube.com/watch?v=gZXjFV8nT4E
Hier wird ein Maj7-Akkord mit seiner Dominante gewechselt, wobei über die Dominante einfach die Ganztonleiter in Terzparallelen hochgespielt wird. Leider finde ich gerade keine Original-Aufnahme. In dem Clip hier ist es etwas anders gespielt.

Wie man sieht, muss die Ganztonleiter nicht zwangsläufig in "schrägem Jazz" münden. Wichtig ist nur, dass man sie sparsam einsetzt, gerne eben als Intro.
Und nochwas: wenn es darum geht, in Solo-Improvisationen die Ganztonleiter über alterierte Dominanten einzusetzen, kommt man schneller zum Ziel, wenn man darauf achtet, die Septime der Dominante in die Terz des nachfolgenden Akkords aufzulösen.

Soviel dazu. Hoffe ein wenig weitergeholfen zu haben.

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Gamma
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Re: Die Ganztonleiter

Beitragvon Gamma » Di 30. Okt 2012, 16:25

Aha! Das berühmte Intro von "Sunshine" ist also aus der Ganztonleiter geschmiedet! Ja dann kann man ja wirklich was damit anstellen (zumindest wenn man Stevie Wonder ist)! Na, dann will ich doch mal sehen, ob ich meine verrostete Opa-Mucke durch eine Prise GT aufmotzen kann!
:thanx: für Deine Mühe Matt! War sehr erhellend! (Wenn Du denkst, dass Du um das Video herumkommst, hast Du Dich allerdings geschnitten!)

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Josef K
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Re: Die Ganztonleiter

Beitragvon Josef K » Do 1. Nov 2012, 15:54

Coole Beispiele :up:

Schließe mich vollinhaltlich dem Naphtalinsüchtigen an. :-)


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