Über den Umgang mit der Theorie

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Tom
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Über den Umgang mit der Theorie

Beitragvon Tom » So 9. Jan 2011, 11:23

Nach all der Theorie will ich hier nochmal grundsätzlich den Umgang mit diesen Konzepten beleuchten, um eine möglichst inspirierte und komfortable Haltung gegenüber den Skalen und der Harmonielehre zu erreichen und so möglichst alles, was uns im Weg steht zu beseitigen. Oder zumindest die Hindernisse und Bedenken zu hinterfragen.

Um es mal ganz unmissverständlich zu sagen:
Skalen, Musiktheorie und Harmonielehre sind im Nachhinein konstruierte Hilfsmittel, um Musik, die schon passiert ist zu erklären und in eine vermeintliche Ordnung zu bringen.

Die Harmonielehre zementiert Regeln und wirft einen Rückblick auf verschiedene Musikgesetze, die sich organisch und auch zum Teil widersprüchlich und somit nichtlinear entwickelt haben. Die Harmonielehre ist eine Veranstaltung, die Linearität in der Musik vorgibt, ja, vorgeben muss, denn sie will strukturieren und auch geschichtliche Entwicklungen aufeinander beziehen.
Sie kann sich so schlecht auf Widersprüchlichkeiten oder „Ausbrüche“ aus der Theorie einlassen und diese teilweise widersprüchlichen Entwicklungen nur unzureichend darstellen.
Sie ist quasi fleischlos, steht der sich frei entwickelten Musikpraxis zuerst hilflos gegenüber und ist deshalb nie mehr als ein Hilfsmittel zum Verstehen und zum Lernen.

Es besteht die große Gefahr im Haus der Harmonielehre durch die leeren Flure und entmöbelten Zimmer zu streifen oder am erkalteten Kamin sitzen zu bleiben und bloß über Musik zu reden - ein Leben lang. Es lassen sich prima Bücher drüber schreiben, Workshops geben und Unterrichte damit füllen. Um das eigentliche Musikmachen geht es dabei aber kaum.

Also angesichts der Masse an Informationen locker bleiben.
Skalen z.B. sind nichts anderes als neue Farbstifte im Malkasten.
Malen damit muss man schon selber. Den Farbstift zu besitzen (= die Skala gelernt zu haben) bringt noch keine Musik hervor.
Und das Malen selbst bringt erst etwas hervor, wenn man sich von der Illusion der Kontrolle über das Material (die Skalen und Akkorde) und das Werkzeug (Gitarren und Amps) löst.
Skalen sind noch keine Musik. Sie sind ein Hilfsmittel, ein Dienstleister und so muss man sie auch gebrauchen.
Anschauen, durch Üben verinnerlichen . . .

. . . . UND DANN WEG DAMIT.

Bloß: Wie?

Der US - amerikanische Regisseur Jim Jarmusch sagt in einem Interview :

Frage: Ihr Film heißt "The Limits of Control". Sie gelten dagegen als ein Künstler, der sich sehr stark unter Kontrolle hat.

Jarmusch: „Das stimmt zu einem bestimmten Grad sicherlich. Aber ich verschließe mich auch nicht der Tatsache, dass wenn man einen Film dreht, alles, das man filmt, nur einmal passiert. Und bestimmte Dinge, die man kontrollieren möchte, einfach nicht zu kontrollieren sind. Das sollte man also als ein Geschenk betrachten, nicht als etwas Negatives. Ich habe einen Plan aber der ist wie eine Landkarte, die man ändern kann, und ich hoffe sehr, dass das passiert. Ich mag sorgfältige Dinge, aber ich will auch nicht immer wissen was passiert, denn das Unerwartete oder selbst die Fehler sind ja sehr oft Stärken. Vielleicht ist das etwas Widersprüchlich: Ich mag die Sorgfalt ebenso sehr wie das Unvorhersehbare. Ich will die Dinge nicht wegnehmen, die in diesem Zauberreich liegen, wo sie sich der Kontrolle entziehen.“


Das was Jarmusch hier über Intuition und das Filmen sagt, kann man eins zu eins auf das Musikmachen übertragen.
Skalen zu lernen und sich mit Harmonielehre zu beschäftigen ist in diesem Sinne Sorgfalt und entspricht dem Wunsch, Kontrolle zu haben. Legitim und hilfreich, wenn man das Ganze richtig einordnet.

Musik selbst ist vor allem dann inspiriert und für die Zuhörer inspirierend, wenn wir in das „Zauberreich“ vordringen, von dem Jarmusch hier spricht. In diesem Bereich, wo man nicht mehr „macht“ sondern die Dinge einfach laufen lässt geht alles wie von selbst.
„Ich nehm‘s wie‘s kommt; was immer es ist.“ Nicht denken, nicht machen. Spielen.
Jeder kennt diese Momente, diesen „Flow“. Egal ob vom selbstvergessenen Spiel als Kind im Sandkasten oder beim Gig. Es ist im Grunde die selbe Haltung. Und diese Haltung kann man pflegen und geduldig üben. Es ist wichtig sich das klarzumachen - da ist keinerlei "Voodoo" dabei, die Eintrittskarte ist für jeden an der Kasse erhältlich.

EDIT: und der Preis dafür ist sich zu gestatten Fehler zu machen und sich seiner Angst vor dem Scheitern zu stellen. Wir brauchen eine Kultur des Scheiterns.

Jeder, der sich zur Musik hingezogen fühlt hat Musik in sich. Die Theorie bietet eine Möglichkeit, zu ordnen. Sie ist aber überhaupt nicht zwingend notwendig, um zu einer "inneren Musik" zu kommen. Womöglich besteht schon eine Ordnung und die Theorie bringt nur alles durcheinander? Sie ist nicht zwingend brauchbar das Innere nach aussen zu befördern oder es weiterzuentwickeln.
Nicht selten versperrt die Beschäftigung mit der Theorie den Blick auf die eigene innere Musik. Das ist nur natürlich, denn die Theorie stellt Gesetze auf, an denen sich die eigenen Gesetzmäßigkeiten erst ausrichten müssen. Konflikte sind vorprogrammiert.
Man muss der Theorie also unbedingt mit großem Selbstbewusstsein im wörtlichen Sinn gegenübertreten; einem Bewusstsein für den eigenen Wert; die innere Musik darf durch die Beschäftigung mit der Theorie nicht beschädigt werden; die Theorie hat die Aufgabe zu erleichtern, das „Eigene“ leichter zum Vorschein zu bringen.

Dabei ist es nicht nicht notwendig, eine von der Allgemeinheit für „richtig“, „gut“ oder „geschmackvoll“ abgesegnete Ästhetik zu erfüllen. In diesem Sinn ist der Ausspruch Brian Eno‘s zu verstehen: „Taste is the enemy of Art.“

Was bedeutet das aber für uns Suchende und mit den eigenen und den fremdbestimmten Ansprüchen Ringenden?
Wie finden wir, was in uns schon da ist? Wie befördern wir es zu Tage? Und was passiert dabei mit dem „Material“?
Das Ego in Form von Angst zu versagen, von Zweifel, von scheinbarer Faulheit und Inkonsequenz begrenzen uns dabei, drohen unsere vermeintlichen Schätze zu verwässern. Vermeintlich sind sie deshalb, weil auch unsere Bewertung von „das bin ich, das kommt aus mir“ einem ständigen Wechsel unterliegt.
In diesem Chaos tröstet vielleicht ein Ausspruch Karl-Heinz Stockhausens: „Du bist, was du singst und du wirst, was du hörst.“
Auf jeden Fall erleben viele von uns: unerfüllbare und fremdbestimmte Ansprüche begrenzen uns.

Auf der anderen Seite muss niemand Angst haben, sich bei der Beschäftigung mit Musiktheorie zu verlieren oder dabei etwas „eigenes“ aufzugeben.
Denn weder der Wunsch nach Kontrolle noch das Unerwartete stellt an sich ein Hindernis dar. Die Angst sich in der Unendlichkeit der Möglichkeiten zu verlieren ist unbegründet, wenn wir schon früh die Erfahrung gemacht haben, daß wir ohne Kontrolle auszuüben beim bloßen „Machen“ Befriedigung verspüren. Diese Haltung gilt es sich bei der Arbeit mit der Theorie zu bewahren.

Ein Künstler hat immer den Mut von einer Note zur anderen zu gehen - und dieser Mut, das ist das Wesen der Improvisation (Bobby McFerrin).
Dieses intuitive Voranschreiten ohne Verstand kann man genauso entwickeln, pflegen und üben wie Skalen.
Man muss sich nur der Kraft der Intuition bewusst sein und sich darauf einlassen.
Das Mittel der Wahl zum Üben von Intuition ist die Meditation; ich glaube dabei jedoch, daß man auf sehr unterschiedliche Arten meditieren kann. Das kann eine sehr persönliche Sache sein und muss weder asiatischen Vorbildern nacheifern noch etwas mit Esoterik zu tun haben.

Alles was limitiert und begrenzt gilt es aufzuspüren und loszulassen. Es ist in erster Linie eine Entscheidung. Mitunter immer wieder von Neuem. Täglich.
Angst begrenzt. Angst ist Ego. Also begrenzt das Ego. Aber eben nicht nur bei übersteigertem Selbstbewusstsein (das auch auf Angst fußt) sondern bei allen wesentlich weiter verbreiteten Haltungen wie: ich werd‘s nie schaffen, ich muss gut klingen, ich muss täglich 10 Stunden üben etc. pp.

Es ist eine bewusste Entscheidung, sich von der Intuition leiten zu lassen und nicht vom Intellekt. Immer wieder. Es ist ganz einfach und alltäglich. Machen wir kein großes Trara drum herum. Es genügt völlig zu sagen: ich möchte mich von der Intuition leiten lassen, ich wünsche mir das.
Wir müssen dabei nicht wie Franz von Assisi (in der ziemlich eindringlichen Darstellung von Mickey Rourke) mit uns auf Leben und Tod ringen und Gott (die Intuition) suchen. Es ist bloß Musik, eine Nebensache, ein Luxus.
Obwohl Oscar Wilde ja meinte, er könne auf alles verzichten, nur nicht auf Luxus.
Selbstvertrauen . . . Das Selbst ist nicht das Ego. Vertrauen wir auf uns, auf unser sogenanntes Unterbewusstsein (was immer das sein mag), auf unsere gestalterischen Kräfte OHNE den Versuch, mit dem Verstand zu kontrollieren. Mal sehn wohin die Reise geht. Spielerisch - wir sind Spieler.
Und wenn‘s nicht gleich gelingt, na und?
Wie oft hab ich oder du schon Mist gespielt, wo wir doch diesen oder jene beeindrucken wollten! Und besonders dann.

Man kann auch immer weiter fragen.
Warum spielen wir überhaupt ein Instrument?
Irgendwann waren wir mal fasziniert vom reinen Klang, von diesen unglaublichen Klang, der uns so selbstvergessen sein lies.

Und sehr oft kommen dann Lehrer, die Eltern oder andere und zerstören diese Erfahrung mit: „wenn du nicht übst, wird nie was aus dir werden.“ Die Magie ist dahin. So eine Aussage kann - selbst wenn sie wahr ist - zum falschen Zeitpunkt vieles kaputtmachen.
Und wenn die Faszination von Musik mal weg ist, wird das Spielen und Üben nur eine weitere Hausaufgabe unter vielen anderen meist lästigen Pflichten.

Manchmal hilft es aus dieser Situation herauszukommen, wenn man sich einem anderen Instrument zuwendet. Ich selbst bin vom Klang eines Flügels immer noch schwer beeindruckt. Ich kann wirklich kaum Klavier spielen, habe aber den größten Spaß dabei.
Ich lang irgendwie hin und hör zu was passiert.
Ich hab als Übung des öfteren auf dem Keyboard Solos über Changes erfunden, um einfach besser rausfinden zu können, was ich eigentlich über diese bestimmten Changes höre. Das ganze hab ich dann langsam midimäßig in den Rechner gespielt - dabei ist es mir manchmal gelungen, mein Hirn auszuschalten und ich hab mich harmonisch völlig unreflektiert Note für Note durch die Changes gehangelt.
Später hab ich dann Teile dieser Linien auf die Gitarre übertragen. Der Vorteil liegt auf der Hand: die rein technischen Fähigkeiten auf einem Instrument können beim Erfinden von Musik oder Finden der eigenen Musik recht hinderlich sein. Virtuosität ist in diesem Sinn auch eine Form von Limitierung.

Ein schlechtes Selbstwertgefühl ist unter Musikern sehr verbreitet. Oft bestimmt die Qualität des eigenen Spiels das Selbstwertgefühl. Das ist eine große Falle. Wie sollen die Zuhörer Spaß an deinem Spiel haben, wenn du selbst keinen hast? Mal spielt man gut, mal schlecht - na und? Einfach weitermachen!
Der Umgang mit Scheitern und schlechten Gigs ist genauso wichtig wie der Umgang mit Skalen.
Der beste Weg um ein besserer Musiker zu werden ist, sein Selbstwertgefühl von dem dringenden Wunsch immer gut klingen zu müssen zu entkoppeln.
Im Grunde ist es auch hier wieder das Aufgeben von Kontrolle.
Und immer wieder das Erlebnis: wenn es um nichts besonderes geht, spielt man besser!
Dann sind die Kanäle offen für die Situation, man hört den Mitmusikern besser zu und sogar sich selbst!

Für viele von uns ist es auch leichter sich selbst schlecht zu fühlen und sich zu verdammen oder als Versager hinzustellen als sich seinen Stärken und Schwächen offen und ehrlich zu stellen. Ebenso gibt es viele von uns, die sich für besser halten als sie sind um sich nicht ihren Schwächen stellen zu müssen.
Zugrunde liegt beiden Verhaltensweisen die gleiche Haltung, nämlich die Angst, im Grunde nichts wert zu sein. Aus dieser Angst vermeidet man, an sich geduldig und liebevoll zu arbeiten. Das ist sehr oft der Grund für Stagnation und langsame Entwicklung. Denn ich will hier nicht gegen das Üben anschreiben - ich schreibe gegen das Üben unter falschen Vorzeichen an.

Oder der Gedanke beim Spielen: „Es ist nicht gut genug. Es muss härter, komplexer, schneller, virtuoser usw. sein“ In diesen Momenten ist‘s für dieses Solo meist vorbei mit dem Groove. Die perfekte Sabotage des eigenen Spiels.
Genauso wie der Druck, den man empfinden kann, endlich etwas, was man einige Zeit geübt hat bei einem Auftritt anzuwenden. Man will sich selbst beweisen, daß das Üben keine Zeitverschwendung gewesen ist. Meistens klingt es dann suboptimal. Denn man muss dann beim Spielen nachdenken. Man ist meistens erst soweit, wenn man nicht mehr drüber nachdenken muss. Erst dann ist es verinnerlicht.


Es gibt noch viele andere Beispiele.

Wer sich in diese Richtung weiter beschäftigen will, dem kann ich Kenny Werner‘s „Effortless Mastery“ (in english bei amazon erhältlich) empfehlen.

Authentisch zu sein ist sein zu lassen, was längst da ist. Ohne Bewertung. Vor allem ohne die eigene.

Deshalb: Angst essen Seele auf.
Keine Angst vor der Theorie.
Keine Angst vor dem Scheitern.
Keine Angst!

Es geht um nichts. ;-)
Zuletzt geändert von Tom am Mi 9. Apr 2014, 13:01, insgesamt 2-mal geändert.

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Reinhardt
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Re: Über den Umgang mit der Theorie

Beitragvon Reinhardt » Mo 10. Jan 2011, 13:19

Tom hat geschrieben:Nach all der Theorie will ich hier nochmal grundsätzlich den Umgang mit diesen Konzepten beleuchten, um eine möglichst inspirierte und komfortable Haltung gegenüber den Skalen und der Harmonielehre zu erreichen und so möglichst alles, was uns im Weg steht zu beseitigen. Oder zumindest die Hindernisse und Bedenken zu hinterfragen.
. . . . UND DANN WEG DAMIT.
„Ich nehm‘s wie‘s kommt; was immer es ist.“ Nicht denken, nicht machen. Spielen.
Jeder kennt diese Momente, diesen „Flow“. Egal ob vom selbstvergessenen Spiel als Kind im Sandkasten oder beim Gig. Es ist im Grunde die selbe Haltung. Und diese Haltung kann man pflegen und geduldig üben. Es ist wichtig sich das klarzumachen - da ist keinerlei "Voodoo" dabei, die Eintrittskarte ist für jeden an der Kasse erhältlich.
Es geht um nichts. ;-)


Zum Stichwort "Flow" sind die Ergebnisse von Czikszentmihalyi ja insofern als hilfreich zu deuten, dass das Anspruchsniveau der Aufgabe, unter der sich die höchste Flow-Wahrscheinlichkeit ergibt, in etwa "mittelschwer" sein sollte. Die Aufgabe sollte also noch bewältigbar wirken, aber doch eine gewisse Konzentration erfordern. Heißt in der Musik: Scofield wird wohl sein "In-The-Zone"-Feeling bei anderen Stücken haben als ich. :scratch:
Aber das ist egal, denn letztendlich geht es um das Glücksgefühl, sich selbst beim Spielen zuzuhören. Ob das ein 12-Takter-Blues ist oder eine modale Nummer, ist dann letztendlich wurscht. Konzentrieren, rein und dann loslassen - also wie im richtigen Leben. :hearts:


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