Graf mit Rosenberg

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Reinhardt
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Graf mit Rosenberg

Beitragvon Reinhardt » Fr 13. Okt 2017, 09:39

Gestern war ich beim Gismo Graf Trio, Stargast des Abends war Stochelo Rosenberg.
Für Stuttgarter Verhältnisse kochte der (sehr große) Saal. Es ist schon immer wieder interessant zu sehen, wie ab einem gewissen Zeitpunkt Sintigitarristen förmlich explodieren.
Ich hatte beide zuvor noch nie gesehen, muss aber erstmal das Konzert irgendwo im Spannungsbogen zwischen Schnuckenack, Stephan und Lagrène einordnen.
So viel vorweg: Ich bin immer wieder perplex, wie sehr die Eigenheiten der Rhythmusgitarristen (also meistens der Väter, Onkels oder großen Brüder) den Sound und den Drive des kompletten Klanggebildes wie eine Handschrift prägen können, beispielsweise wenn man einmal gestrigen Joschi Graf und den Daumenspieler Günter Stephan vergleicht.

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Reinhardt
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Re: Graf mit Rosenberg

Beitragvon Reinhardt » Mi 18. Okt 2017, 11:29

Ok, zu den Solokünstlern:
Dass das Vokabular dieses Genres als Meisterlehre Baustein für Baustein an die jüngere Generation durchgedrillt wird, war durchaus ersichtlich, vor allem bei den atemberaubenden Unisono-Passagen alter Klassiker. Da war jedes Lick aber so was von identisch gespielt, obwohl Graf und Rosenberg vorher noch nie auf einer Bühne zusammen aufgetreten waren, das war schon fast kurios. Motoriktricks.
Es ist jetzt nicht so, dass Gismo und Stochelo keine eigene solistische Identität hätten, sie haben durchaus unterschiedlichen Anschlag, unterschiedliches Temperament etc. und der eine spielt lieber unten, der andere lieber oben. Aber sie haben beide eine identische Lick Library, nämlich die offiziell gypsy-beglaubigte. ;-)
Das ist bei Lagrène, Jorgenson und Stephan bereits merklich anders, die Licks stehen dort mehr im lyrischen Zusammenhang und entstammen auch oft anderen Genres. Was ja teilweise von der Community bei Jorgenson und Stephan kritisch gesehen wird.

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Re: Graf mit Rosenberg

Beitragvon silversonic65 » Mi 18. Okt 2017, 14:16

Ich habe im Vorfeld von diesem Konzert gelesen. Wäre es nicht so weit von mir, wäre ich hingegangen.

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Reinhardt
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Re: Graf mit Rosenberg

Beitragvon Reinhardt » Mi 18. Okt 2017, 15:02

Bei Dir in der Ecke strampelt doch eher der Joscho dauernd herum?
Geh doch da mal hin, falls Du noch nicht warst ...

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Reinhardt
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Re: Graf mit Rosenberg

Beitragvon Reinhardt » Mi 18. Okt 2017, 15:04

Nicht dass wir uns falsch verstehen.
Ich wäre froh, ich könnte die Hälfte dessen, was der halb so alte Gismo Graf zwei Wochen nach einer Handoperation wieder könnte.

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spanking the plank
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Re: Graf mit Rosenberg

Beitragvon spanking the plank » Do 19. Okt 2017, 06:09

Multitone hat geschrieben:Ok, zu den Solokünstlern:
Das ist bei Lagrène, Jorgenson und Stephan bereits merklich anders, die Licks stehen dort mehr im lyrischen Zusammenhang und entstammen auch oft anderen Genres. Was ja teilweise von der Community bei Jorgenson und Stephan kritisch gesehen wird.


Der Herr Jorgenson kann zwar alles spielen, kommt aber "eigentlich" aus der Countryrock-Szene, ich weiß ja, Jazz spielt er auch und hat in einem Film auch Django Reinhard gespielt - im wahrsten Sinne des Wortes, also auf der Gitarre, er war auch Bezahlmusiker in der Band von Elton John, wo er neben Gitarre auch noch glänzend Saxofon spielte, aber geliebt habe ich ihn bei den Hellecasters, als superschneller Countryrocker.

Ein Wahnsinnsgitarrist. Einer meiner Favoriten :hearts:

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Matt 66
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Re: Graf mit Rosenberg

Beitragvon Matt 66 » Do 19. Okt 2017, 10:33

Worum geht es hier jetzt eigentlich? :scratch:

Ich kann dazu nur sagen, dass ich Joscho Stephan schon mehrmals live gesehen habe, die anderen kenne ich überhaupt nicht. Selbst die alten Django Aufnahmen kenne ich nur sehr ungenügend, die stehen aber auf meiner to hear list. Was jedoch offensichtlich ist: Joscho ist stilistisch breiter aufgestellt. Da kommt halt dann eben auch mal eine Jazz Ballade, oder der alberne türkische Marsch von Mozart. Ich finde das angenehm, es wird sonst sehr schnell eindimensional mit dem Gefrickel. Interessant finde ich ja, dass auch bei Cyrille Aimée immer wieder solche Gypsy-Sachen kommen. Irgendwie scheint das auch ein gewisser Trend zu sein. Und der Lagrène macht doch inzwischen ganz andere Sachen.

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Re: Graf mit Rosenberg

Beitragvon Reinhardt » Do 19. Okt 2017, 13:08

Gute Frage, ich wollte nur das Konzert verorten.
Ich habe als Kind und Jugendlicher viel Gypsy der ganzen alten Meister auch viel live gehört, Schnuckenack, Weiss, Winter, das volle Programm.
Das war interessanterweise gar nicht so djangodominiert, das kam mir viel weltmusikalischer bzw als Folkloremusik rüber, je nachdem, ob die Gruppe eher südosteuropäisch oder südwesteuropäisch oder eher mitteleuropäisch geprägt war. Das war auch nicht so extrem solistisch dominiert, da wurde auch mal gesungen und andere Instrumente hatten auch tragende Rollen, Akkordeon, Geige, Klarinetten etc. Im Laufe der Zeit hat sich bei den Virtuosen eher dieser mitteleuropäische Stil durchgesetzt, was dann in diesem Django-auf-Koks-Kult kulminierte durch die ganzen Wunderkinder der 80er. Wovon sich in der Tat ja Lagrène fast völlig entfernt hat. Man merkt jedenfalls sofort, wenn jemand sozusagen als Quereinsteiger sich den Zugang zu diesem Genre erarbeitet hat, da wieder neue Einflüsse das Solokonzept prägen und auch mal eine Joe-Cocker-Nummer oder ein Santanaschnipsel im Vortrag zitiert werden. Das kommt bei den Fricklern der reinen Lehre eher selten vor.
Ich mag somit sowohl die neuen Übertellerrandschauer als auch die ganz alten Folkloristen irgendwie lieber.
Denn Django selbst war zu seiner Zeit ja selber hochprogressiv und einer, der über den Folklorerand weit raus schaute, nur ist halt 80 Jahre später eine reine Zitierfähigkeit seines Werkes für mich noch kein Zeichen hoher künstlerischer Entwicklung.

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Re: Graf mit Rosenberg

Beitragvon Matt 66 » Fr 20. Okt 2017, 11:32

von wegen reine Lehre und so:
wenn man mal grob vereinfacht Bluegrass, Flamenco und Gypsy als autochthone Volksmusiken deklariert, und dann vieleicht auch mal schaut, was so in Südosteuropa sonst noch an Volksmusik zu hören ist (war hier schon mal jemand auf einer exjugoslawischen Hochzeitsfeier...?), finde ich es schon bemerkenswert, dass hier das "Ausdruckselement" Geschwindigkeit immer wieder auftaucht. Woher kommt das eigentlich? Man stelle sich nur mal vor, alpenländische Stubenmusi wäre auch ständig so akrobatisch. Ich muss da jetzt mal wirklich länger darüber nachdenken...

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Re: Graf mit Rosenberg

Beitragvon Reinhardt » Fr 20. Okt 2017, 11:38

wobei jetzt Oberkrainer oder Dixiebands auch schon eine flotte Sohle aufs Parkett legen können.
Die Frage ist, ob man Schnuckenack mit eher traditionell-folkloristischer Ausrichtung jetzt im Vergleich zu anderen Ur-Folkloristen schon als schnell bezeichnet, oder erst das, was der Hot Club dann ab den 30ern auf die Spitze trieb. Und seit Lagrène und Rosenberg durchgereicht und wiederum danach von Stephan ans motorisch machbare Limit befördert wurde.


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