Mit diesem Workshop möchte ich ein paar interessante Voicings für Gitarre vorstellen, die in der gängigen Literatur so gut wie gar keine Erwähnung finden. Man kann sie als „Drop2+4“-Voicings bezeichnen, denn sie sind, wenn man so will, lediglich eine gedankliche Fortsetzung der bekannteren Drop2-Voicings.
Begriffserklärung:
Drop2-Voicings heißen so, weil bei ihnen im Sinne einer gleichmäßigen Terzschichtung (wie sie für den Akkordaufbau traditionell herangezogen wird), die zweithöchste Stimme eine Oktave tiefer transponiert wird – sie wird also „fallengelassen“.
Nimmt man bspw. einen A7-Akkord, dann hat er im Sinne der Terzschichtung den Aufbau a-cis-e-g, in Intervallen ausgedrückt: 1-3-5-b7. Drop2 bedeutet nichts anderes, als dass das e, der zweithöchste Ton, eine Oktave nach unten fällt, womit sich dieser Akkord-Aufbau ergibt: e-a-cis-g.
Bei Drop2+4-Voicings wird nun auch noch die 4.Stimme eine Oktave nach unten transponiert, d.h. man erhält für A7: a-e-cis-g. Dieses Voicing bezeichnet man auch als „in weiter Lage“, da die Abstände der Akkordtöne recht groß sind („in enger Lage“ bezeichnet Akkorde, deren Akkordtöne so nah wie möglich beieinander liegen).
In der angehängten Übersicht habe ich nun für die wichtigsten Vierklangsformen alle Drop2+4-Voicings durchgespielt. Zu beachten ist, dass wir uns konsequent vierstimmig bewegen, d.h. jeder Akkordton kommt genau einmal vor. Man erhält die verschiedenen Umkehrungen ganz einfach, indem man auf jeder Saite zum nächsten Akkordton geht. Der Akkordgrundton ist jeweils weiß gezeichnet. Die Zahlen am linken Rand verweisen als Intervallbezeichnung auf die Funktion des höchsten und tiefsten Tons innerhalb eines Voicings. Man sieht sehr schön, wie jeder Akkordton (also Grundton, Terz, Quinte, Septime) in jeder Stimmlage einmal auftaucht. Die Voicings sind horizontal so ausgerichtet, dass sich eine Richtung „von groß nach klein“ ergibt, wobei sich jeweils immer nur ein Ton ändert. Also, vom Major-7 zum Dominant-7 ändert sich die Septime, vom Dom7 zum m7 ändert sich die Terz, usw. Vertikal ergeben sich die verschiedenen Umkehrungen für jeden Typ. Das ganze dann auf zwei verschiedenen Saitenquartetten.
Was macht man nun damit?

Mein Vorschlag wäre, zunächst einmal mit den Dom7-Akkorden anzufangen (Stichwort Blues-Schema!). Stellen wir uns vor, der weiße Punkt wäre ein a, dann haben wir beim ersten Voicing (erste Zeile, drittes Voicing) die leere A-Saite und die anderen Töne entsprechend. Dies wird einem als „Cowboygriff“ für A7 bekannt vorkommen, nur dass wir die g-Saite auslassen. Jetzt gehen wir auf jeder Saite zum nächsten Akkordton und schon erhalten wir das Voicing eine Zeile tiefer. Der Grundton ist jetzt in der Oberstimme (5.Bund), die Terz liegt im Bass. Auf diese Art hangeln wir uns den Hals hinauf und erhalten die abgebildeten Voicings.
Wenn man die 4 Umkehrungen für Dom7 beherrscht, braucht man bloß die Terz zu erniedrigen und hat automatisch die Voicings für Moll7 (m7). Erhöht man, ausgehend von Dom7, die Septime, erhält man Major-7 (Dreieck).
Davon abgesehen, dass diese Herangehensweise eine gute Übung ist, die Töne auf dem Griffbrett zu durchleuchten, entstehen auf diese Art zum Teil recht ungewohnte (ungewöhnliche?) Voicings, die man normalerweise so kaum auf der Gitarre spielen würde. Manche sind schwerer spielbar, manche leichter. Durch das Auslassen der g- bzw. d-Saite ergeben sich bisweilen auch Probleme des Dämpfens, insbesondere wenn man mit dem Plektrum anschlägt. Fingerstyler haben es da etwas einfacher. Aber auch wenn man ein Voicing nicht sauber hinkriegt, wie wäre es mit Arpeggio-Figuren, also einfach die Töne nacheinander spielen?
Viel Spaß beim Erforschen des Griffbretts und Entdecken neuer Klänge!